Wissenschaft und Kommunikation

Virtuelle Abendveranstaltung von Wissenschaftsforum Ruhr, KWI, DASA und Fraunhofer UMSICHT am Mittwoch, 15.12.2021 via Teams

Komplexe Probleme – einfache Lösungen?

Bericht über Vorträge und Diskussion mit Prof. Dr. Julika Griem, Direktorin Kulturwissenschaftliches Institut Essen, und mit Dr. Bernd Holtwick, DASA – Arbeitsweltausstellung.

Menschheitskrisen wie der Klimawandel und die Coronapandemie intensivieren Tendenzen in der Gesellschaft, sich ‚alternativen Fakten‘ zu öffnen, die angeblich keiner wissenschaftliche Legitimation bedürfen und einfache Antworten auf komplexe Fragen bieten. Faktizität wird damit zu einer relativen Größe. Diese Faktizitätskrise war thematischer Ausgangspunkt einer virtuellen Veranstaltung des Wissenschaftsforums Ruhr zu der Frage, wie die Wissenschaft sich aus sich selbst heraus als Koordinatensystem oder Maßstab seriöser Erkenntnisgewinnung bewahren und dies in die Laiengesellschaft kommunizieren könne.

Prof. Dr. Julika Griem vom KWI in Essen zeigte in ihrem Vortrag, dass neben der Binarität von Wissenschaft und Pseudowissenschaft auch in der Wissenschaft selbst unterschiedliche Formen des Wissenserwerbs und der Methoden zu unterschiedlichen Gewissheitsgraden führen. Ferner geben Zerrbilder über das wissenschaftliche Arbeiten Anlass zu einer adäquaten Darstellung nicht nur der Ergebnisse, sondern des wissenschaftlichen Arbeitens und des Wissenschaftsbetriebs selbst. Diesen drei Problemkreisen sucht sich das Rhine-Ruhr Centre for Science Communication Research (RRC) in drei Teilgebieten zu nähern, um Kommunikationsstrategien zu entwickeln. Teilprojekt 1 thematisiert die Frage, wie sich publikumsadäquat angesichts ‚multipler Fakten‘ das Wissenschaftsverständnis verbessern lässt, Teilprojekt 2 befasst sich mit den spezifischen Anforderungen der Kommunikation sozial- und geisteswissenschaftlicher Inhalte, Teilprojekt 3 mit dem Wissen und Formen der Wissenschaftskommunikation selbst.

Dr. Bernd Holtwick von der DASA – Arbeitsweltausstellung entwickelte seinen Vortrag unter dem Leitmotiv der notwendigen Komplexitätsreduktion und -transformation wissenschaftlicher Inhalte bei Ausstellungen. Gerade bei sehr voraussetzungsreichen Themen wie der KI ist eine Übersetzungstätigkeit in narrative, szenografische und interaktive Elemente eine Kernaufgabe, um Grundstrukturen des maschinellen Lernens wie Mustererkennung und neuronale Netze didaktisch für ein Laienpublikum aufzubereiten. Algorithmische Prozesse werden zwar auf Seiten ihres theoretischen Hintergrundes reduziert, gewinnen aber in der szenischen Exemplifizierung an phänomenaler Komplexität.

In der sich anschließenden Diskussion unter den Referenten, dem Moderator Prof. Deerberg und dem Publikum wurde deutlich, dass Wissenschaftskommunikation kritischer und reflexiver gestaltet werden sollte im Hinblick auf die Untiefen des Wissenschaftsbetriebs. Zu beklagen sei z. B., dass auch in der Kommunikation eine Fixierung auf das Positive, auf den Forschungserfolg in der Wissenschaft herrsche, während die Kommunikation von Fehlschlägen und gescheiterten Projekten eher unbeliebt sei. Ein organisierter Skeptizismus als Leitmotiv für wissenschaftliches Arbeiten sei zu begrüßen und auch eine Selbstdistanzierung durch die Herausarbeitung komischer Elemente des Betriebes qua satirischer Wissenschaftskommunikation. Tentatives Denken im Als-ob, die Fiktion und Entwürfe von Szenarien, also eine gewisse Vorläufigkeit als Wesensmerkmal von Wissenschaft, müssen in Zukunft Thema einer gelingenden Wissenschaftskommunikation sein. Klar wurde allerdings auch, dass diese Form der reflexiven Wissenschaftskommunikation im Ausstellungsbetrieb an Grenzen der Vermittelbarkeit stößt.

→ Vortrag Prof. Dr. Julika Griem zum Download
→ Vortrag Dr. Bernd Holtwick zum Download